Patchwork auf Augenhöhe: Warum wir als WG glücklicher sind
Es ist Freitagabend, alle freuen sich auf das Wochenende, die Woche ist geschafft, die Arbeit ist getan, jetzt ist Zeit für Freunde und Freizeit. Und ich? Ich stehe vor dem Spiegel, habe mir die 40- Stunden-Woche abgeduscht und bereite mich vor auf zwei Nächte laute Musik, Party und Cocktails. Doch anders als früher klingt von unten der Fernseher ( Spoiler: Den haben wir heute gar nicht mehr!). Die Kinder dürfen noch einen Film anschauen, bevor sie ins Bett gehen. Und ich frage mich: Wie viel Irrsinn liegt eigentlich in diesem Bild? Familie vs. Barlife
Wer bin ich eigentlich?
Damals habe ich es noch geliebt, heute bin ich sehr froh, das Barkeeping hinter mir gelassen zu haben. Sind wir ehrlich, es hat verdammt viel Spaß gemacht, aber 28 ist halt eben keine 18.
Ich war aus den Schuhen des „Wildlife“ raus gewachsen und entschied mich, dieses Patchwork- Thema voll und ganz anzunehmen. Ich wollte einfach mal ausprobieren, ob ich dieses „Familiending“ auch kann.
Nein, natürlich kann ich das nicht. Das bin ich nicht. Ich bin keine Mama, Hausfrau und Vollzeitorganisatorin. Zumindest nicht voll und ganz. Und wenn ihr das für euch erkannt habt, wird es erst einmal bitter, sich das einzugestehen. Und wie bekomme ich nun beides vereint? Einerseits möchte ich das neue Projekt ausprobieren, andererseits möchte ich mich selbst nicht verlieren.
Erfolgsrezept Nr. 1: Radikale Kommunikation
Ja, ich weiß. Das ist so abgedroschen. Aber es ist wahr. Alles ist basierend auf einer gut laufenden
Kommunikation.
Ich bin also zu Daniel hin und habe ihm mein Dilemma geschildert. Seine Reaktion war erstaunlich
verständnisvoll: „Dann mache doch beides. Geh einfach weniger arbeiten - vielleicht nur noch die
Wochenenden, an denen die Kids nicht da sind.“ Das war anfangs ein guter Kompromiss. Mit der
Zeit stellte sich raus, dass ich Gefallen an den freien Wochenenden fand und gar nicht mehr ging,
aber das ist eine andere Geschichte.
Jetzt bin ich ja Therapeutin und hinterfrage mich in meinen Gedanken sehr detailliert. Dabei kann ich hervorragend mit mir selbst philosophieren. Also fragte ich mich: Sind wir Eltern? Ja, schon irgendwie. Wir haben eine Verantwortung für Kinder zu tragen, haben einen „Erziehungsauftrag“ (Gott, wie ich das Wort hasse!) und spielen natürlich auch eine Rolle der Elternschaft. Nur die Abstammung der Kinder ist in meinem Fall eben nicht im leiblichen Kontext zu betrachten.
Erfolgsrezept Nr. 2: Ehrlichkeit (zu sich selbst und anderen)
Was wir jedoch nicht sind, sind Eltern, wie sie unsere Gesellschaft gern sieht. Ich bin keine Mutter, die permanent da ist, die 24/7 um ihre Kinder sorgt und stetig die Verantwortung tragen möchte. Nicht, weil ich das nicht möchte, sondern weil ich das nicht bin. Daniel hat die Vaterrolle spätestens 2007 angenommen. Er ist sie klassisch auch angetreten. Aber auch er durfte wachsen und für sich später feststellen: Ja, diese Rolle, die von mir erwartet wird, die erfülle ich nicht. Nicht, weil er es nicht möchte, sondern weil er es nicht ist.
Wie leben wir also heute?
- 🏢 Leben als WG: Wir sprengen das klassische Familienkorsett.
- ❤ Begleiter statt Erzieher: Vertrauen und Liebe auf Augenhöhe.
- 💡 Individuen fördern: Augenhöhe statt elterlicher Dominanz.
Jeder hat seinen Platz in diesem Konstrukt. Wir Erwachsenen führen den Haushalt und kontrollieren Hausaufgaben, aber wir erzwingen kein künstliches „Mutter-Vater-Kind-Gefüge“. Das wäre Selbstbetrug.
Der Kontrast: Wo das Ego regiert
Schaut man sich das andere Konstrukt an, sieht man schnell: Da ist schlichtweg kein Platz für Bedürfnisse. Die logische Folge? Frust und Chaos pur. Aber weil die heile Welt nach außen hin um jeden Preis gewahrt werden muss, braucht das System ein Ventil – einen Sündenbock. Und wer darf die Rolle spielen? Überraschung: oft meine Tochter oder wir. Auch wenn ich als Therapeutin genau verstehe, welche Dynamiken da ablaufen, macht es die Sache im Alltag keinen Deut besser. Ganz ehrlich – das Ganze ist und bleibt ein emotionales Minenfeld.
Zurück zum Anfang. Ich habe mich also vor gut 10 Jahren für meine heutige Familie entschieden. Mein Mann, meine beiden Kinder (ja, ich nenne sie bewusst so!), unseren Hund, unser Haus und die Entscheidung mich selbst neu zu erfinden. Hat das funktioniert: Ja, bisher auf jeden Fall.
Wie ich das jedoch überlebt habe - zwischen dem eigenen Freiheitsdrang, fremdem Ego und tatsächlichen Überwachungskameras - das erzähle ich euch im nächsten Beitrag.
