Patchwork - wie alles begann - die Sicht der neuen Partnerin
Ich wollte eigentlich keine Beziehung mehr, keine Kinder und erst recht kein Drama. Zehn Jahre später blicke ich auf ein Patchwork-Abenteuer zurück, das von Überwachungskameras bis hin zu emotionalen Achterbahnfahrten alles zu bieten hatte.
Es ist nun gute 10 Jahre her. Herje, wie die Zeit vergeht. Daniel und ich lernten uns kennen. So wie man sich eben kennenlernt. Gut, ok, wir wurden damals verkuppelt - und das hat sogar geklappt. Ich hätte es ja damals nicht für möglich gehalten.
Der Typ mit den blaugrünen Augen
Ich war zu dem Zeitpunkt 28 Jahre jung, Barkeeperin, arbeitete in einem Immobilienbüro und stand kurz vor einem Jobwechsel in eine SoftwareBude. (Spoiler: das war eine ganz dumme Idee!) Ich flippte irgendwie auf mein abwechslungsreiches Leben. Da die Wahl meiner bisherigen Partner eher „semi gut“ war, wollte ich eigentlich keine Beziehung mehr. Und da stand er plötzlich da: der Typ mit den blaugrünen Augen, aber ehrlich gesagt, war mehr an ihm erstmal nicht mein Fall.
Daniel ist so groß, wie ich - der erste Minuspunkt. Dann hat er ein Haus, war geschieden und zwei Kinder. Noch mehr Minuspunkte. In meinen Augen war er fast schon „langweilig“. Wo war denn sein Abenteuer? Seit eh und je in ein und der selben Firma, jeden Tag der gleiche Trott. Das war eigentlich nichts für mich. Doch er hatte eine Sache, die andere bisher nicht hatten: Er war ehrlich und charmant.
Vom Single-Leben ins Wochenmodell
Wir lernten uns über die nächsten Monate kennen. Über die Zeit stellten wir fest, dass wir uns doch ganz gut ergänzen. Und das wir uns für unsere persönliche Entwicklung irgendwie zu brauchen scheinen.
Es gab nur ein großes Thema, auf das ich so gar keine Lust hatte: zwei Kinder im Wochenmodell bedeuteten, dass ich gerade mit Anlauf und Schwung in eine Patchwork-Familie hineinruderte.
Natürlich fand ich in den ersten Monaten auch heraus, wie das Verhältnis zwischen Daniel und der Kindesmutter war. Und? Ihr dürft raten: Es war erschreckend schlecht.
Meine naive Wunschvorstellung
Da stand ich nun: Am Beginn einer Beziehung, die sehr viel Potenzial mitbrachte und einer Patchwork-Familien, bei der ich von Anfang an wusste - das wird crazy. Und weil ich es ja aber liebe, Dinge einfach auszuprobieren und diese Beziehung nicht beschissener laufen konnte, als früher, bin ich einfach drauf eingestiegen.
Die Kinder waren damals 4 und 9 Jahre, als ich sie kennenlernte. Ein „bestes“ Alter für eine Frau, die mit Kindern bis zu diesem Zeitpunkt null Berührungspunkte hatte. Mir gegenüber waren die beiden zum Glück sehr aufgeschlossen. Sie fanden es toll, dass Papa so eine coole neue Freundin hatte:
- Jung
- Tätowiert
- Arbeitet hinter der Bar und
- Absolut nichts konservatives
Für die beiden war das irgendwie beeindruckend. Und ich, ich durfte mich mit dem Gedanken und der daraus folgenden Strukturen langsam anfreunden. Oh, wie ist mir das schwer gefallen. Aber irgendwie machte es mir auch Spaß.
Meine Wunschvorstellung war damals: Warum seid ihr eigentlich alle so zerstritten? Die Eltern waren zornig aufeinander, obwohl die Trennung Jahre her und alles geregelt war. In meinem empathischen Kopf dachte ich: Man spricht sich aus, äußert Bedürfnisse, einigt sich und am Ende sitzen alle zusammen im Garten und trinken ein Glas Wein. (Spoiler: Das ist bis heute nicht passiert.)
Wenn das Ego die Regie übernimmt
In den folgenden zehn Jahren im Patchwork-Chaos habe ich viel gelernt. Warum es oft chaotisch ist? Weil oft ein Part unbewusst in den Widerstand geht. Wenn eigener Schmerz nicht verarbeitet ist, wird das Familiensystem blockiert. Da übernimmt dann das Ego die Regie: Missgunst wird auf den anderen Haushalt projiziert und der Konflikt am Ende auf dem Rücken der Kinder ausgetragen. Weil dieser Part eben nicht dazu bereit ist, die Dinge offen anzusprechen, zu kommunizieren und zu klären.
Was ich in dieser Zeit erlebt habe, reicht von:
- Eifersucht und Neid
- Manipulation und Misstrauen
- Angehende Essstörungen,
- Bis hin zu Kindern, die mit Kameras überwacht worden
Also ihr Lieben, ich habe einiges, was ich euch erzählen kann. Und ich werde es auch tun. Warum sollt ihr das Rad der Patchwork-Familie neu erfinden müssen, wenn es doch andere schon getan haben und ihr davon profitieren könnt?
Und wie ist es bei euch?
Seid ihr ebenfalls neu in einer Beziehung und euer Partner hat Kinder mitgebracht? Wie empfindet ihr den Start und was macht der Gedanke mit euch, die Verantwortung in Zukunft mit zu tragen?
Im nächsten Beitrag erzähle ich euch, wie wir die ersten großen Krisen gemeistert haben und warum Abgrenzung mein wichtigstes Werkzeug wurde.
