Scherbenhaufen Patchwork: Wie wir nach dem Vertrauensbruch wieder Sicherheit finden
In meiner letzten Story erzählte ich euch von unserem „Kameragate“. Was war das für eine Entrüstung?
Doch nach der Entdeckung der Kamera und dem folgenden Salzwasserbad kehrte keineswegs Ruhe ein. Es folgten Tage der Empörung, der Enttäuschung und vor allem des Rückzugs - emotional wie zwischenmenschlich.
Emilie, meine große Tochter, ist nach vielen Jahren voller unnötiger und verletzender Situationen mittlerweile fast schon ignorant dem Drama gegenüber geworden. Doch keine Sorge: Wir haben rechtzeitig reagiert und viele unterstützende Maßnahmen und Gespräch angeboten, was sie auch dankend annimmt. Wunden und Narben sind dennoch entstanden, welche nicht wegzudiskutieren sind.
Die Tage nach dem Vorfall glichen einem Schauspiel: Rollenwechsel, eingeschnappt Eltern bis hin zu plötzlicher Demut.
Emilie zeigte sich abweisend. Klar, in ihr saß eine tiefe Enttäuschung über den massiven Missbrauch ihrer Privatsphäre. Der Stiefvater gab sich zwar mit einer Entschuldigung demütig, diese war jedoch wenig glaubhaft. Und die Kindesmutter? Sie entzog sich komplett der Verantwortung, meldete sich erst Tage später mit einer Entschuldigung und liebreizenden Worten. Das alles beeindruckt Emilie bis heute kaum. Das Verhältnis ist bis heute mehr schlecht als recht.
Wie findet ein Kind nach so einer Enttäuschung wieder Vertrauen?
Genauso, wie wir es die Jahre zuvor auch schon taten. Durch Präsenz und Klarheit.
Unsere Patchwork-Familie ist ein regelrechter Scherbenhaufen. Beide Seiten der Elternschaft können sich nicht ausstehen. Eine Kommunikation ist kaum möglich. Findet eine statt, ist das so sinnvoll, wie das Sprechen mit einer Wand. Es gibt jedoch einen entscheidenden Unterschied: Wir respektieren die Seite der Kindesmutter als Teil der Biografie unserer Kinder. Das heißt nicht, dass wir alles gutheißen. Im Gegenteil, wir besprechen viele Themen intensiv. Aber wir wünschen ihnen nichts Schlechtes und machen den Kindern diese Seite nicht streitig. Umgekehrt kann ich das leider nicht behaupten. Das ist aber ein anderes Thema.
Vertrauen wieder aufbauen: Was wir nach dem Kameragate konkret getan haben:
- Professionelle Begleitung: Ich habe meine Mentorin kontaktiert, die sich schon vor einiger Zeit und ich bin nach wie vor sehr dankbar, meinen Kindern angenommen hat. Sie betreut sie psychotherapeutisch. Damit konnten schlimmere Themen, wie Essstörungen oder ähnliches im Keim erstickt werden - das ist unglaublich wertvoll. Ok, also hat meine Mentorin Emilie in die Obhut genommen und das Thema mit ihr aufgearbeitet.
- Intensive Kommunikation: Wir haben mehrfach intensiv darüber gesprochen. Emilie hat uns ihre Gedanken dazu geschildert. Sie hat die Situation mehrfach bildlich aufgestellt. Ihre Emotionen kamen dabei ganz klar raus. Wir als Eltern haben uns dazu positioniert. Und dabei ging es nicht darum der anderen Seite einen Dolch in den Rücken zu rammen, sondern dem Kind den Rücken zu stärken. Die Situation haben wir versachlicht: Was ist an diesem Abend passiert? Was sind die Folgen? Natürlich haben wir ihr mitgeteilt, wie stinksauer wir darüber sind und wie unglaublich dämlich wir diese Aktion finden. Alles andere wäre gelogen.
- Schuldzuweisungen stoppen: Wichtig ist auch, dass ihr vermittelt wurde, dass sie keinerlei Schuld an der Aktion hatte, ihre „Lüge“ sicherlich nicht der Grund für das Kameragate ist und dass sie auch nicht die Schuld an dem kaputten Verhältnis zu ihrer Mutter hat.
Der Umgang mit Enttäuschung: Die Kraft des bloßen Daseins
Da wir über die Jahre ein sehr vertrauensbasierendes Verhältnis zueinander aufgebaut haben, können wir ihr mit unserem bloßen Dasein und unserer mentalen Stütze sehr viel Halt geben. Das war in dieser Situation einfach Gold wert.
Egal wie alt „Kinder“ sind. Und dabei meine ich auch vermeintlich „erwachsene“ Kinder. Sie sind Kinder der Eltern und sie erwarten ihr Leben lang die Stütze der Eltern, das Stärken des eigenen Rückrats und Vertrauen.
Emilie meistert das Alles wirklich verdammt gut für ihr Alter. Ja, manchmal wünschte ich mir, sie wäre schon einen Schritt weiter aber das ist nur meine eigene Ungeduld. Es ist hinterlässt Spuren, wenn man von dem Menschen enttäuscht wird, von dem man eigentlich erwartet, bedingungslos angenommen, akzeptiert und geliebt zu werden. Wenn ihr wollt, dass diese Spuren über die Zeit verwischen und eure Kinder dennoch mit viel Selbstwert und Selbstbewusstsein durch Leben gehen, dann gebt ihnen das, was sie in solchen Momenten brauchen: bedingungslose Wertschätzung und ab und zu ein Glas Wein (wenn sie alt genug sind! Das hilft uns schließlich auch, wenn die Situation mal richtig zum Kotzen ist!)
Ob ich immer richtig handle? Nein! Ich handle intuitiv und schätze dabei mein Umfeld bedingungslos. Was mir das gebracht hat? Meine Tochter ist meine beste Freundin - und ich ihre ❤️
